Nischenschmerz von Tristan Rosenkranz


Immer mal wieder in einer aufgrund eigenen Erlebens mitunter – das gebe ich zu – teilweise undifferenzierten Auseinandersetzung in der Geschlechter- oder besser Gleichstellungsdebatte stößt man an Grenzen. Mir ist klar, das Thema Geschlechterdemokratie im Familienrecht ist kein Verkaufsschlager für die Medien, es sei denn, eine Gleichstellungsbeauftragte mit Augenmaß wird aus dem Amt intrigiert. Entsprechend stiefmütterlich wird es

noch immer behandelt. Oder gar belächelt und verhöhnt. Sind ja schließlich Männer, die es betrifft. Und Männer müssen Schmerz abkönnen.

Nimmt dieses Thema schon nur Nischencharakter ein, hat es ein weiteres ganz besonders schwer, in die öffentliche Wahrnehmung vorzudringen und ein Umdenken zu generieren: die Kuckuckseltern- oder vielmehr –vaterschaft.

Ganz selten hört oder liest man mal was, warum auch? Jeder kennt irgendwen, wo die Trennung zum Konflikt auswuchs und ein Kind im Spiel war. Aber Kuckucksväter? Kennt irgendjemand Kuckucksväter? Ich nicht. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Ist es damit getan? Ganz sicher nicht. Kuckuckskinder sind ein Teil, eine Facette in einer gesellschaftlich verankerten Ideologie der Familienfeindlichkeit. Nie wird man zu hören bekommen, Deutschland sei familienfeindlich. Jedes politische Zahnrad, ob männlich oder weiblich, bemüht sich nach Kräften, sein Bestes zu geben.

Nichts desto trotz sind wir nahezu Europaschlusslicht in den Geburtenzahlen wie auch einer fairen Handhabung des Sorgerechts. Klagen gegen Kinderlärm geisterten lange durch die Medien, Kinder wurden und werden verscharrt und zu Tode geprügelt, entfremdet, manipuliert, aus funktionierenden Familien heraus gerissen und in unbekannte Heimadressen verbracht. Oder eben viele Jahre belogen. Mit dem Glauben groß gezogen, Teil einer eigenen, Identität und Gene stiftenden Familie zu sein.

Ich kann mir vorstellen, dass es unheimlich schwer ist, einem kleinen Würmchen, einem kleinen „Du“ irgendwann einmal in all den schönen Jahren voller Herzblut mitzuteilen, es sei eigentlich gar nicht das richtige Kind, es sei – zum Teil – das Kind eines anderen Menschen. Ort: unbekannt, Gründe: die eigene Unfähigkeit, Fehler zu reflektieren und aufzuarbeiten.
Sei es wie es sei, und an dieser Stelle glaube ich nur allzu gerne den Filmen zum Thema: irgendwann kommt die Wahrheit ans Tageslicht. Keine schöne Vorstellung, wenn das bisher feste Vertrauen gefriert und auseinander bricht. Dieser Mann, der mich jahrelang in den Arm genommen, zur Schule und ins Bett gebracht und mit mir gespielt und getobt hat, ist ein Fremder. Ich kenne ihn nicht. Ich kenne Mutter nicht, die mir nie etwas erzählt hat. Wer sind diese beiden? Warum tun sie mir das an? Warum dieser Schmerz? Wer ist mein richtiger Vater? Wer bin ich?

Der richtige Vater weiß möglicherweise nichts von seinem Kind. Möglicherweise, wer weiß wie es gezeugt wurde, hätte er nie Interesse daran gezeigt. Möglicherweise aber war Mama auch nur zu bequem, sich den Konsequenzen zu stellen, sich auf eine gewisse Form von Problemen einzulassen, den Vater an der Elternschaft teilhaben zu lassen. Oder sie geriet an eines der zahlreichen Beratungsnetzwerke, denen die Ausgrenzung eines Elternteils, selbstverständlich mit staatlichen Geldern gefördert, eine Lebensaufgabe scheint.

Und da kommen wir auch schon auf des Pudels Kern. Deutschland schützt Frauen. Frauen bekommen mehr Geld als die Kinderkrebsforschung (hier: für Professorinnenförderprogramme), Frauen bekommen zu wenig Lohn, werden hinter jeder vierten Wohnungstür geprügelt, jede 30. Frau wird vergewaltigt und so weiter und so fort. Alles himmelschreiende Lügen und mehrfach widerlegt, spielt aber keine Rolle. Die Frau ist schwach, die Frau ist Opfer. Verscharrt sie ihr Kind, handelt sie in einer seelischen Notlage. Rutschen einem Vater in einem Trennungskonflikt, beispielsweise vor Gericht mit einem Leidensschrei, mal die Emotionen aus der Hand, ist er ein vor Brutalität triefender potentieller Gewalttäter.

Es ist bereits bei einem weit bekannteren Phänomen, der massenhaften Entziehung des Kindes aus einem vernünftigen Umgang zu beiden Eltern durch meist Mütter (weit über 90% des alleinigen Sorgerechts ist in Frauenhand) Usus, irgendeine richterliche Auslegungsform des Kindeswohlschutzes als Begründung zu finden, dass der Vater, wenn überhaupt, einen winzigen Teil der Zeit des Kindes mit seiner Anwesenheit teilen darf. Wer Kind sagt, muss auch Mama sagen.

In diesem Phänomen, der Kuckucksvaterschaft, und ich habe bewusst nicht vom Leiden der gehörnten Väter geschrieben (wen bitteschön interessiert schon das Leid eines Mannes?), wird überhaupt nicht gespiegelt, welche Schuld der Mutter in dieser Konstellation zuzurechnen ist. Und ja, wir müssen von Schuld reden, erst dann, erst mit der Wahrnehmung eines Vergehens ist man bereit, einen Hebel anzusetzen. Aber will man das? Will man sich in einem Land, wo Volksverhetzung á la Alice Schwarzer sowie Trennungseskalation á la Edith Schwab mit dem Bundesverdienstkreuz belohnt wird auf den Lärm all der Frauennetzwerke bis hoch in die RichterInnen-Etagen einlassen?

Wo will man anfangen? Wo soll das hinführen? Aber man muss. Man muss sich damit auseinander setzen, dass ein Mensch Schuld auf sich lädt, wenn er die Entscheidung über das „Produkt“ eines Zeugungsaktes an sich reißt. Wenn er meint, sein Bauch gehöre ihm, er alleine habe die Entscheidungshoheit, dem Leben des Kindes eine Bahn zuzuweisen. Er allein habe das Recht, mit der Lebensgestaltung zweier erwachsener Menschen, dem richtigen und dem gehörnten Vater, zu spielen. Hier muss angesetzt werden. Vaterschaftstest bereits bei der Geburt, Punkt. Nicht verhandlungsfähig. Denn hier, zu diesem Zeitpunkt, tuts noch nicht weh. Hier leistet man(n) noch nicht Unterhalt, entwickelt man(n) noch nicht tiefe Gefühle für ein ihm fremdes Kind.

Tristan Rosenkranz

Tristan Rosenkranz - Gastautor beim Kuckucksvaterblog

Tristan Rosenkranz ist Buchautor

Lebensnaher Idealist, Autor, Redakteur, Kolumnist, Blogger, sozial engagierter Papa einer 9jährigen Tochter. Redaktionelle Mitarbeit, Interviews, Artikel und Kolumnen bisher für „G-Punkt-Magazin“ und „365 Magazin“ (Stadtmagazine für Gera), „Papa-Ya“-Magazin (Fachmagazin für kindgerechte Familienpolitik) sowie „Charismata“ (Magazin für Ganzheit und Spiritualität), bisherige Veröffentlichungen: „Insomnia“ (2008 / Edition Paper One), „Fieberherz“ (2010 / Edition Paper One) sowie Anthologie „Kinderherz“ (2010 / Klotz-Verlag), darüber hinaus Beteiligungen an der Anthologie „Streitschrift“ (2010 / Klotz-Verlag), der Audioanthologie „Die Zigarette danach“ (2010 / Deutsche Zentralbücherei für Blinde), dem Sampler “Behind the artists Vol. 1″ (2011 / Papa-Ya-Magazin) sowie der Anthologie “Ein Leben mit Autismus” (2012 / Telescope-Verlag). Weitere Manuskripte in Arbeit, Info´s unter www.fieberherz.wordpress.com

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder, Scheinväter, Väter und Kuckucksmütter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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7 Antworten zu Nischenschmerz von Tristan Rosenkranz

  1. Pingback: Kolumne für Kuckucksvater-Blog “Nischenschmerz” online | Fieberherz

  2. Claudia Knieriem schreibt:

    Zunächst einmal erstaunt es mich, dass unter diesem tollen Text in den Kommentaren über „Preisverleihung“ geschrieben wird …

    Einhaken möchte ich in der Passage, in der es darum geht, dass das kleine Menschenkind erfährt, Teil eines anderen zu sein. Das trifft so auch auf adoptierte Kinder zu – und löst mit Sicherheit erst einmal eine Identitätskrise aus.
    Ich frage mich, ob ein Kind wirklich denkt „ich kenne ihn nicht – er ist ein Fremder“ „ich kenne Mutter nicht“ … Die Nähe, die zwischen Scheinvater und Kind über Jahre entstanden ist, das Vertrauen, die Sicherheit, die Liebe ist doch nicht einfach weg mit der „Diagnose“ Scheinvater.

    Ich kenne diesen Mann, meinen Papa, ich weiß, wie er morgens aussieht, wenn er verknittert aus dem Bett kommt, weiß, wie er duftet, wenn ich nachts zu ihm unter die Decke krabbel, weil ich schlecht geträumt habe, weiß, wie wunderbar geborgen ich mich in seiner Umarmung fühle. Welcher Erzeuger auch immer für mein Dasein zuständig ist, wirft sicher die Frage nach meinen genetischen Wurzeln auf, doch bleibt dieser Vater geruchslos, geschmacklos, gefühllos … geprägt hast Du mich, Papa.
    Schlimm ist, dass Ihr Euch getrennt habt, Du und Mama. Und ich bin schuld?! Ich liebe Mama und verstehe nicht, warum sie das getan hat. Manchmal bin ich so wütend auf sie. Und je mehr ich Dich vermisse, nach Dir weine, desto böser ist sie mit mir. Alles war anders … als ich nur einen Papa hatte …

  3. Pingback: Zweifel – Gedanken einer werdenden Mutter – fiktiver Text von Claudia Knieriem | kuckucksvater

  4. anitram159069095 schreibt:

    Hallo Max
    Hier habe ich was für Dich, schau doch mal rein.
    http://jura27.wordpress.com/2011/06/20/kreativ-award/

    LG Martina

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