Der Blick zurück – Meine gestohlene Kindheit – Teil 2 von Marta Pandora

Ich kann mich noch erinnern, ich war vielleicht 8 oder 9 Jahre alt, als meine Oma mich mal wieder losschickte meinen Vater aus der Kneipe zu holen, Freitag war sein Tag, um nach der Arbeit noch mal eben einen zu trinken. Meine Oma wartete immer, sie wollte einkaufen. Früher gab es noch Lohntüten und manchmal gab es etwas Schönes, wenn sie denn Geld bekam. Ich stolzierte los und ging in die Kneipe meinen Vater holen, „Geh du Kind, auf dich hört er, mit dir kommt er mit.“ Ich betrat die Kneipe, die Männer saßen an der Theke, sie tranken und es stank nach Alkohol. Ich durfte mir immer Bonbons aussuchen. Wie toll das war, ich war für diesen Moment wichtig. Brav wie ich war, brachte ich meinen Vater nach Hause. Er war so betrunken, fiel in die Zinkbadewanne, die in der Küche stand. Mein Bruder und ich fanden das lustig und wir amüsierten uns. Er war wütend und rastete völlig aus. Ich bekam Schläge und wurde ins Bett gesteckt. Das war Normalität, jedenfalls war es für mich normal.

Wir wohnten in einer 2 Zimmerwohnung, ohne Dusche oder Bad, eine große Wohnküche war der Aufenthaltsort. In der Küche stand ein Sofa und ein Tisch mit 3 Stühlen. Mein Vater kam von der Arbeit und legte sich auf das Sofa oder er saß einfach auf einem Stuhl oder schaute aus dem Fenster. Nie fragte er nach mir, wie es mir in der Schule erging, oder ob ich etwas möchte. Mein Bruder war ein Aas, er ärgerte mich wo er nur konnte. Er spielte gern Cowboy und Bandit. Er war der Cowboy, natürlich als Sheriff, ich war der Bandit, wurde gefesselt und eingesperrt. Ja, so war es auch im wahren Leben, Ich war eingesperrt, gefangen, nur dass ich damals nicht wusste worin ich gefangen war. Irgendwann begann ich zu protestieren, ich fing an mich zu wehren, doch ich fand kein Gehör. Wenn etwas war, etwas Verbotenes gemacht wurde von meinem Bruder, bekam ich die Schuld. Ich wurde in dieses Bett gesteckt mit dieser dicken Bettdecke, die mich erdrückte. Ich malte Striche an die Wand, hörte irgendwann mal auf mit dem Malen, zu oft war ich in diesem Bett.

Abends konnte ich nicht einschlafen, ich rief oft meine Oma, wollte Unterhaltung und Trost. Stattdessen kam mein Vater,  strafte mich, schrie mich an, ich solle endlich schlafen. Ich hatte Angst, Angst vor der Decke, die mich wieder mal erdrückte, ich fühlte mich klein und die Möbel und alles um mich herum waren riesengroß. Ich stand auf und ging in die Küche. Da saßen mein Vater, meine Oma und ein Onkel,  der Bruder meines Vaters, sie spielten Skat. Ich wusste, dass es wieder mal ein lauter Abend werden würde. Wieder würden sie streiten. So kam es auch. Sie stritten, ich weiß nicht worum, sie stritten, sie hatten viel getrunken. Ich wurde ins Bett geprügelt. Schlaf jetzt endlich, was willst Du hier, ich höre noch diese Stimme, dieses Herrschen. Jeden Morgen war mein Bett nass, Ich bekam dafür Prügel, ich schämte mich dafür, wurde auf eine alte Küchentischdecke nachts gelagert, Es roch.

Sonntags bekam ich ein hübsches Kleidchen an, wenn mein Vater mich mal auf den Fußballplatz mitnahm. Ich sah hübsch aus, hatte lange dunkle Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden wurden. Mein Vater war gut aussehend, groß gewachsen, ein Kerl von Mann. Er hatte nach der Scheidung mit meiner Mutter viele Frauengeschichten, eine hieß Gabi. Sie hatte einen kleinen Jungen, der aber nicht bei ihr lebte. Gabi konnte gut häkeln. Sie häkelte mir sogar einmal ein Kleid. Es war gelb und ich bekam einen Gürtel dazu, der golden aussah. Ich war so stolz. Als mein Vater, Gabi und ich einmal  Eis essen gingen. wurden wir fotografiert. Ein Bild, mein Papa hat sich mit mir fotografieren lassen! Ich war überglücklich. Gabi nahm sich meiner an und vermittelte mir für kurze Zeit Geborgenheit. Mein Vater war nie für mich da, er war abweisend und ekelig. Für mich war es so, nicht anders, für mich war es normal. Danach kam Elisabeth, sie wohnte in der Nähe bei ihrem Vater und hatte schon einen älteren Sohn. Sie war viel bei uns. Als ich mal wieder durstig in die Toilette ging, schwamm Blut in der Toilette. Ich war erschrocken, wie kommt da Blut hin? Ich ging in die Küche, Elisabeth, mein Vater und meine Oma saßen am Küchentisch, „Oma, in der Toilette ist ganz viel Blut!“ Ich war erschrocken. Sie nahm mich barsch am Arm und steckte mich ins Bett. „Das geht dich nichts an, das ist nicht schlimm.“ Ich habe Durst. Kann ich was zu trinken bekommen?” „Nein, schlaf jetzt!“ Ich lauschte und wartete einen Moment, schlich mich wieder in die Toilette. Das Blut war nicht mehr da. Ich schöpfte Wasser mit den Händen aus dem Toilettenbecken und löschte meinen Durst. Das Bett erdrückte mich und war am Morgen nass.

In unserer Straße wurde gebaut. Mein Vater wollte am Vormittag auf den Fußballplatz. Ich wurde hübsch angezogen und fragte, ob ich schon nach unten dürfe. Ich ging nach draußen, an der Straße waren große Sandhügel. Ich tobte darin mit dem schönen blauen Kleid. Mein Vater kam nach unten und suchte mich. Er rief nach mir, ich hockte in dem Sandberg, mein Kleid war nicht mehr blau. Die Ohrfeige saß einmal mehr. Wieder ein Strich in meiner Sammlung folgte, neben dem Bett mit der Decke, die mich erdrückte.

Dieser Beitrag wurde unter alle Artikel, Deutschland, Geschichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s